Die Europacity gehört zu den größten Stadtentwicklungsprojekten Berlins – und wirkt doch an vielen Stellen noch unfertig. Zwischen neuen Bürokomplexen, geplanten Grünflächen und einigen Fragezeichen zeigt sich ein Quartier im Übergang.
Ich habe mir einige aktuelle Bauvorhaben angeschaut und nehme euch mit auf einen Rundgang von Norden nach Süden.
1 - Berlin Decks
Ganz im Norden – vielleicht schon nicht mehr ganz zur Europacity gehörend – entstehen weitgehend unbemerkt die Berlin Decks am Friedrich-Krause-Ufer, die kurz vor der Fertigstellung durch die BEOS AG stehen. Das Areal liegt genau am Zebrastreifen und am Torfstraßensteg, die Brücke über den Spandauer-Schiffahrtskanal die zum Sprengelkietz führt.
Was ist hier geplant?
klassisches Büro, Coworking oder hybride Flächenmodelle, die Fertigung, Testgelände und Backoffice kombinieren
Ein erster Mieter scheint bereits festzustehen: Mbition, die Software-Tochter von Mercedes.
Auf einigen Visualisierungen ist eine Freitreppe zum Wasser zu sehen. Diese dürfte allerdings nicht mehr zum Grundstück gehören und ist daher vermutlich eher Wunschdenken. Dabei bietet das Ufer am Kanal eigentlich erhebliches ungenutztes Potenzial.
2 - Port One
Geht man das Friedrich-Kraus-Ufer Richtung Europacity, dann erreicht man das Grundstück, auf dem sich noch vor wenigen Jahren kleine Geschäfte, ein Parkplatz und ein ALDI befanden. Direkt an der Perleberger Brücke wird dort derzeit das Port One errichtet. Mit einer Höhe von 55 Metern fällt es etwas niedriger aus als das gegenüberliegende Upbeat.
Nach eigenen Angaben wurde bei der Planung besonderer Wert auf Nachhaltigkeit gelegt:
Die einzigartige Freiraumgestaltung von PORT ONE BERLIN orientiert sich am Konzept der Schwammstadt und umfasst u. a. weiträumige Flächenentsiegelungen. Durch Versickern und Verdunsten wird das Niederschlagswasser dem natürlichen Wasserkreislauf zurückgeführt.
Die Renderings auf der Webseite wirken zumindest vielversprechend.
Ein ALDI wird hier wohl nicht zurückkehren, dafür ist immerhin eine Kita vorgesehen (nicht, dass aktuell ein Mangel an Plätzen bestünde).
(...) mit Innovation Campus, Kita, Office-/Co-Working-Flächen (optional im 1. OG), Café, Mensa und Event-Lobby
3 - Upbeat Berlin
Auf der gegenüberliegenden Seite der Perleberger Brücke wächst das Upbeat Berlin auf 82 Meter Höhe und zählt zu den markantesten sowie architektonisch interessantesten Gebäuden der Europacity. Zwar kratzt es nicht an den Wolken, ist mit 19 Stockwerken für Berliner Verhältnisse jedoch durchaus hoch.
Das Grundstück gehört – wie große Teile der Europacity – der CA Immo. Dort heißt es:
Exklusiver Mieter des Upbeat ist die Deutsche Kreditbank AG (DKB), mit der die CA Immo Gruppe bereits einen langfristigen Mietvertrag abschließen konnte.
Das ist inzwischen auch deutlich sichtbar. Derzeit wirkt es allerdings nicht so, als würden im Erdgeschoss weitere Mieter wie Restaurants oder Cafés einziehen.
4 - Grünflächen Nordhafenbrücke
Wir gehen nun die Heidestraße weiter in Richtung Süden bis zur Nordhafenbrücke.
Sobald hier die letzten Bauarbeiten rund um die Brücke abgeschlossen sind, soll die Fläche zwischen Nordhafen Living & Office und QH Crown South zu einer Grünanlage umgestaltet werden.
Auch die gegenüberliegende Brachfläche ist für eine solche Nutzung vorgesehen.
Interessant ist dabei der Lageplan:
Hier ist eine Fußgängerunterführung unter der Nordhafenbrücke eingezeichnet. Vom gegenüberliegenden Ufer erkennt man den Weg, der aktuell noch gesperrt ist:
5 - Kornversuchsspeicher
Es geht nun nur ein kurzes Stück in Richtung Kanal.
In der Mitte der Europacity befindet sich der bereits seit Längerem fertiggestellte Kornversuchsspeicher. Das denkmalgeschützte Gebäude wurde mehrfach mit Architekturpreisen ausgezeichnet.
Bemerkenswert ist jedoch, dass es seit der Fertigstellung leer steht. Der mutmaßliche Grund: Die zuletzt defizitäre Adler Group hat das Gebäude an die Berliner BAL Gruppe verkauft. Diese war bereits an der Entwicklung des QH Crown an der Heidestraße beteiligt und kennt sich in der Gegend entsprechend gut aus. Es bleibt zu hoffen, dass hier bald Bewegung in die Nutzung kommt.
Geplant sind Büros sowie möglicherweise Gastronomie im Erdgeschoss.
6 - Grünfläche an der Scharnhorststraße
Beim einem Abstecher auf die andere Seite des Kanals fällt einem vielleicht die Baustelle auf einem ehemaligen Parkplatz an der Scharnhorststraße 29 ins Auge.
Diese liegt direkt zwischen Invalidenfriedhof und der Scharnhorststraße. Der Parkplatz wird derzeit in eine öffentliche Grünfläche umgewandelt, die dann einen Zugang von der Straße zum Ufer ermöglicht.
Offensichtlich hat man aus dem Otto-Weidt-Platz gelernt: Sicherheitshalber wird hier kein Fertigstellungstermin mehr genannt.
7 - Döberitzer Grünzug
Wir machen einen kleinen Sprung und überqueren die Bahngleise im Osten über die noch nicht gebaute Fußgängerbrücke. Hier liegt der „Döberitzer Grünzug“ und ist bereits in Teilen fertiggestellt.
Allerdings bislang noch nicht wirklich „grün“, wie man sieht.
Weiter südlich, angrenzend an die Minna-Cauer-Straße, wird der Döberitzer Grünzug weiter ausgebaut:
Zunächst wurde hier der Boden saniert:
Der Umweltschaden wurde durch die DB Netz AG großflächig mit Bodenaustausch bis zu 6 Metern Tiefe beseitigt.
Was ist geplant?
Es sind vielfältige Nutzungsangebote vorgesehen – von Spielplätzen über eine abwechslungsreich gestaltete Promenade sowie eine „Trainspotting“-Tribüne bis hin zu Sportflächen für Bewegung, Rollen, Fahren, Skaten und Fitness.
8 - Hamburger Höfe 2
Etwas unklar bleibt das Grundstück an der Ecke Minna-Cauer-Straße / Heidestraße das sich direkt neben der Baustelle des Döberitzer Grünzugs befindet. Kürzlich wurde dort eine Grundwasserleitung bis zum Spandauer Schifffahrtskanal verlegt.
In einem Plan der Europacity wird das Areal als „CA Immo – Hamburger Höfe 2“ bezeichnet. Konkrete Informationen dazu sind jedoch bislang nicht zu finden.
Auf der Webseite der Stadtentwicklung ist der Rechtsstand des Bebauungsplanverfahrens aktuell mit „im Verfahren“ angegeben.
Ich habe dazu bei CA Immo nachgefragt und werde berichten, sobald es Neuigkeiten gibt.
9 - Anna-Lindh-Haus
Auf der anderen Seite der Minna-Cauer-Straße, kurz vor dem südlichen Ende der Europacity, entsteht derzeit das Anna-Lindh-Haus.
Anna Lindh war eine schwedische Politikerin und engagierte Europäerin. Als Außenministerin setzte sie sich leidenschaftlich für Menschenrechte, Frieden und eine starke europäische Gemeinschaft ein.
Auch hier wurde stärker auf Nachhaltigkeit geachtet als bei vielen anderen Gebäuden der Europacity. Statt klassischer Stahlbetonträger besteht die Konstruktion größtenteils aus massiven Holzbalken.
Lediglich der Aufzugsschacht wurde aus Beton errichtet.
Geplant sind – wenig überraschend – Büroflächen.
10 - Europaplatz
Am Ende unserer Tour erreichen wir den Hauptbahnhof. Der Europaplatz, im Speziellen der südlicher Teil davon, war für viele Besucher der erste Eindruck der Stadt und galt lange als wenig einladend: Taxis, Asphalt, Exkremente die im Sommer einen verführerischen Duft versprühten und wenig Platz für Fahrräder.
Einige spekulierten dort über einen möglichen Froschteich:
Tatsächlich finder hier der Aushub für die zu pfanzenden Bäume statt. Denn erfreulicherweise wird der Bahnhofsvorplatz nun endlich umgestaltet:
Schaffung großzügiger und barrierefreier Bewegungsflächen
Pflanzung von 30 hitzeresilienten Bäumen
Fahrradabstellanlagen für rund 220 Fahrräder im Doppelparksystem sowie acht Lastenräder mit begrüntem Dach
Keine reguläre Befahrung des Platzes mehr, ausgenommen Rettungsverkehr
Das klingt nach einem sinnvollen Konzept. Es gab ja hier auch viel Bürgerbeteiligung, genau wie auch beim Döberitzer Grünzug.
Hier findet sich eine Visualisierung. Etwas mehr Grün wäre wünschenswert, insgesamt stellt die Planung jedoch eine deutliche Verbesserung gegenüber der aktuellen Situation dar.
Fazit
Die Europacity bleibt ein Quartier im Werden: Vieles ist bereits fertiggestellt, anderes noch im Bau – und manches wirkt noch immer etwas unfertig oder untergenutzt. Während in den vergangenen Jahren zahlreiche Wohnungen entstanden sind, zeigt sich im Gewerbebereich weiterhin spürbarer Leerstand. Zusätzliche bleibt die die Frage, ob wirklich so viel zusätzliche Bürofläche benötigt wird, offen.
Gleichzeitig lässt sich aber auch beobachten, dass der Stadtteil langsam an Leben gewinnt. Mit den ersten warmen Tagen füllen sich die öffentlichen Räume: Der Otto-Weidt-Platz wird wieder von CafébesucherInnen, SpaziergängerInnen und Familien genutzt, und auch entlang der Wege und Grünflächen ist deutlich mehr los als noch vor wenigen Jahren.
Der Kietz entwickelt sich nicht auf einen Schlag, sondern Schritt für Schritt. Mit jeder neuen Nutzung, jeder fertiggestellten Grünfläche und jedem neuen Laden wächst das Viertel ein Stück weiter zusammen. Die Voraussetzungen dafür sind da.




















